Das erste Horrido

In alter Zeit, zur Zeit der Minne,
Wenn da der Hifthornruf erklang,
Dann stand der Wächter auf der Zinne
Und blies den Hagelschrei und sang:

»Heraus aus den Betten,
Ihr Ritter zumal!
Die rosigen Ketten
Umgürten das Tal.
Die Nacht ist versunken,
Das Grauen besiegt;
Die Sonne schlägt Funken,
Der Nebel verfliegt.

Und wer sich zum Mädchen
Schlich heimlich und fremd,
Zertrenne das Fädchen
Und scheide vom Hemd,
Von Brüstlein und Hüften,
Von Tändeln und Scherz
Und biete den Lüften
Das brennende Herz!

Heraus aus den Federn!
Das Roß steht gezäumt.
Des Sinnen bleibt ledern,
Der jetzo noch säumt.
Die Hörner psallieren,
Die Sau pflügt im Tann;
In freien Revieren
Erstarkt erst der Mann.

Die Nacht ist versunken,
Das Grauen besiegt;
Die Sonne schlägt Funken,
Der Nebel verfliegt.
Schon lodert die Zinne,
Schon glitzert’s im Hag!
Die Nacht für die Minne,
Die Jagd für den Tag!«

Hift, hift, hallo! – so klang’s vor Zeiten,
Als kaum der junge Tag erwacht,
Und just so brav durch alle Weiten
Blies Hermann Joseph auf zur Jagd.
Sein Ruf, ein klangdurchsetzter Werber,
Erhob sich flügelstark und frei
Und schwang gleich wie ein stolzer Sperber
Sich jauchzend auf zur Brauselei.
Er rüttelte an allen Pforten,
Schlug’s Fenster ein mit Dran und Drauf
Und rief ins Haus mit Donnerworten:
»Gestrenge Herr’n, wacht auf, wacht auf!«
Da, mit den Bäckern um die Wette,
Mit Horrido und flotten Beins,
Entstieg der warmen Lagerstätte
Der Amtsgerichtsrat Num’ro eins.
Herr Peter Zenz, der hochgelahrte,
Ein Recke war’s, ein Mann der Tat;
Er kühlte seine Keilerschwarte
Sofort mit einem Schüsselbad.
Dann gab’s ein Plätschern und ein Schmurgeln,
Dann fuhr er frisch in Strumpf und Schuh
Und schwenkte sich, um auszugurgeln,
Ein halbes Fläschchen Mosel zu.
Mit Hussa stieg er in die Hose,
Ach! in die Hose, straff gewebt,
In der mit freudigem Getose
Schon mancher Frühlingssturm gelebt,
Die oft in bitterkalten Wintern,
In Wintern, boreasdurchlärmt,
Den braven richterlichen Hintern
Mit ihrem Loden sanft durchwärmt.
Nachdem er hierauf noch behende
Sich angestreift den grünen Rock,
Vergönnte er als Morgenspende
Sich eine exquisite »Bock«.
So ausstaffiert, indes er sinnend
Den Duft des edlen Krautes sog,
Ersann er, feierlich beginnend,
Noch diesen schönen Monolog:
»So wäre denn der Tag gekommen,
Seit Olimszeiten benedeit,
Der dir, zu aller Nutz und Frommen,
O keusche Artemis, geweiht!
Du bist ein Weib nach meinem Herzen,
Wie keines ich noch reiner sah;
Dir brennen nicht die wüsten Kerzen
Der Venus Amathusia.
Du lebst nicht sinnlichen Begierden,
Bist abhold jedem Saus und Braus
Und hängst nicht deine Jungfernzierden
Zum Ladenfenster weit hinaus.
Dir liegen fern die losen Spiele,
Die man im Amorsaal durchtollt;
Nicht federst du der Brunst die Kiele,
Denn nur dem Jäger bist du hold;
Bist gram der Tändelei der Musen,
Verschmähst des Mieders scharfen Druck
Und trägst nur auf dem frommen Busen
Des Rotwilds edlen Granenschmuck.
So weidgerecht, im puren Hemde,
Im Haar der Sichel hellen Strahl,
Bist du, ein Mädchen aus der Fremde,
Dem Jäger höchstes Ideal.
Vermeidest Tees und Assembleen,
Verachtest Roben, buntumfranst,
Und wurdest niemals noch gesehen,
Wo man den Schunkelwalzer tanzt.
Doch, wo die Wipfel kraus sich wiegen,
Die Bache frischt, der Keiler pflügt,
Und wo, daß sich die Balken biegen,
Der Oberförster herzhaft lügt,
Dort, wo der Has im Feuer purzelt,
Der Hifthornruf herüberweht,
Der Dachs mit seiner Gattin wurzelt
Und hoch der Kronenzehner steht,
Wo ringsumher im braunen Moose
Das stille Volk der Pilze lebt
Und in der schlichten Weidmannshose
Der Kesselwind sich manchmal hebt,
Wo’s fröhlich dampft von bärt’gen Lippen,
Wo jagen weidgerechte Herr’n,
Wo Sauerkohl und Schweinerippen,
O Göttliche, da bist du gern!
Wo’s schränkt und schreitet, rauscht und rasselt
Durch Wald und Feld, durch Bruch und Fließ,
Wo’s fröhlich durch die Loden prasselt,
Da hebst du deinen blanken Spieß.
Da schreitest du beherzt ins Weite,
Die hehre Stirn mit Grün umlaubt;
Drum du, von Gott Gebenedeite,
Begnade mein bemoostes Haupt!
Ich heiße Zenz, bin Friedensrichter,
Ich liebe Wein und Pfeifenrauch,
Bin nebenher ein deutscher Dichter
Und schließlich: Jäger bin ich auch.
Ich weiß den Rehbock umzulegen,
Den Fuchs zu meistern, wenn er schnürt,
Und so die Hirsche emsig fegen,
Ich schone sie, wie sich’s gebührt.
Die Jagd – ich lasse mir’s was kosten –
Ich hege sie und pflege sie
Und bin mit Kugel, Schrot und Posten
Ein anerkanntes Schießgenie.
Der Weidmannsflasche Branntweinwelle,
Ich nehme sie mit Andacht ein,
Auf daß die Lichter klar und helle
Und Häschens immer um mich sein.
Die Akten sind mir Mist und Dünger,
Gilt’s anzubringen Lot und Blei;
Kurzum, ich bin ein braver Jünger
Der hochgemuten Jägerei.
Drum, Göttliche, sei mir gewogen,
Gib mir mein zugemessen Teil;
Bedenke mich in Bausch und Bogen
Mit Glück und Gunst und Weidmannsheil,
Damit auf mir im schönsten Lichte
Der Glanz des Waldeskönigs ruht
Und sich der Bruch der jungen Fichte
Erhebt vom schweißbedeckten Hut.
Dann, Göttliche – ich will’s verschreiben
Mit Worten gut und grimm und greis –
Verhafte ich beim Schüsseltreiben
Fünf Flaschen dir zu Ehr’ und Preis.«

So sprach Herr Zenz in großen Tönen
Und äugte zukunftfroh umher
Und gurgelte zum Abgewöhnen
Den zweiten Moselschoppen leer.
Dann nahm den Drilling er vom Nagel,
Probierte noch den festen Schuh
Und knarrte dann wie Blitz und Hagel
Dem Schank der »Goldnen Traube« zu.
Und während er so mannhaft schreitet,
Des Lebens und des Treibens froh,
Habt acht! – mit sanftem Glanz umspreitet,
Erschallt das zweite Horrido.