Das fünfte Horrido

Bei Brixius in der »Goldnen Traube«,
Wo früher stets Gesang und Spiel
Und in der sommerlichen Laube
Sich nur das sanfte Wort gefiel,

Wo wir beseelt in diesem Hause
Das Kind aus Trittenheim umfreit,
Umkost das Nönnchen der Kartause
Und Uerzigs und auch Valwigs Maid,
Wo Wieprecht, brillengläserfunkelnd,
Weitreichend mit gelehrtem Spieß,
Bedachtsam und Geheimes munkelnd,
Uns den Pythagoras bewies,
Wo Zenz den Moselkelch geschwungen,
Wo, wenn die Stimmung trüb und grau,
Der Amtsgerichtsrat zwei gesungen:
»O jerum, meine arme Frau!«
Wo morgens so um halber viere,
Bevor man still versonnen schied,
Der Herr und Meister der Klistiere
Noch heiter sang ein schönes Lied,
Ja, wo aus allem Erdenstaube
Man sich emporhob stark und groß –
Bei Brixius in der »Goldnen Traube«
War heute früh der Teufel los.
Da spie der Ofen glühe Kohlen,
Da krachten Fenster, Tür und Dach,
Da trappten schwere Stiefelsohlen
Durch das verwunschene Gemach.
Ach! wo vorlängst die hehren Musen,
Von Wieprechts Reden tiefbeglückt,
Uns ihren schwanenweißen Busen
Ans treue Männerherz gedrückt,
Wo man aus lichtdurchperltem Glase,
Dem ganzen Reich und sich zu Dank,
Sich vaterländische Ekstase
Und deutsche Kaisertreue trank,
Wo kluge Reden, weise Worte,
Der rauhe Lärm des Tages schwieg,
Wo, wie aus einer Glasretorte,
Manch liebes Moselmärchen stieg,
Da herrschte jetzt ein lautes Tosen,
Ein stetig wechselnder Rapport,
Da lärmten derbe Treiberhosen
Die lieblichen Kamönen fort.
Ach, du mein lieber Gott im Himmel!
Da war ein Kommen und ein Gehn,
Da ließ ein brausendes Gewimmel
Die eignen Worte nicht verstehn.
Hier präsentierte sich ein Flöter,
Dort schob ein Lacher sich heran,
Hier belferten zwei schlimme Köter
Sich mit gekniffnen Ruten an.
Man wähnte sich im neuen Staate,
Ja, ja, man bildete sich ein,
Im Bauern und Soldatenrate
Beim Freunde Spartakus zu sein.
Hier klatterte ein Stuhl zu Boden,
Dort trat mit wenig Eleganz
Ein Jägersmann in grauen Loden
‘ner Jammertöle auf den Schwanz.
»Wie geht’s, wie steht’s?!« – Durch Hast und Rummel,
Durch Jagdlatein und frohen Sinn,
Da wippte sich manch Tabaksstummel
Von einem Herrn zum andern hin.
Und sie, die sonst mit goldner Brille
Versonnen sah ins Lampenlicht –
Die große, andachtsvolle Stille
Verhüllte traurig das Gesicht.
Das plauderte und schrie und bellte
Allüberall und fern und nah;
Dazu die ganz infame Kälte,
Die grimmig durch die Scheiben sah.
Da plötzlich – daß die Pest mich hole! –
Verstummte jählings das Juchhu;
Denn nach dem früheren Gejohle
Erdonnerte ein »Hahn in Ruh!«
Und sieh – es war zum Herzerfreuen:
Von blauem Tabaksdampf umtanzt,
Inmitten seiner Allgetreuen
War Zenz, der Richter, aufgepflanzt.
Das Hütchen flott, erregt vor Eifer,
Stolz aufgeachselt seine Wehr,
Er sah durch seinen scharfen Kneifer
Gleichwie ein Feldmarschall umher.
So mochte einst in lohen Prächten,
Ein Gott vom Haupt bis zu den Zehn,
Den Adler flügelstark zur Rechten,
Der Donnerer vom Himmel sehn.
Und also sprach der Blickumgaffte –
Ich meine Zenz in diesem Fall –
Ja, also sprach der Rauchumpaffte
Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
»Im Namen Huberti, frisch, fröhlich und froh,
Ich bringe euch allen ein Horrido,
Im Namen des Mannes, der, wie ihr ja wißt,
Ein Bischof gewesen und gläubiger Christ,
Der aber auf Pirsche, auf Suche und Balz
Sich besser verstand als der Herr von Kurpfalz
Und praeter propter vor elfhundert Jahr
Ein gewaltiger Nimrod und Jäger war.
Das merkt euch, besonders beim heutigen Jagen.
Ihr müßt euch als Söhne Huberti betragen,
Als Heger und Pfleger, als brave Gesellen,
Die allorts im Walde, auf Weg und Gestellen,
Auf Halden und Wiesen, in Blöße und Strauch
Zu meistern verstehn den geheiligten Brauch.
Kurzum, ihr müßt in des Herzens Falten
Die Satzung Huberti in Ehren halten,
Damit euch kein Weidmann, der ernsthaft so heißt,
Als Sonntagsjäger und Schießer verschleißt.
Auf Anstand – bleibt ruhig und seßhaft am Platze,
Vergrämt nicht das Wild durch heillos Geschwatze,
Spaziert mit der Waffe nicht schlendernd umher,
Als wenn so ein Drilling ein Regenschirm wär’!
Und rauscht es verdächtig im Wald und im Hain,
Dann pulvert nicht blindlings ins Blaue hinein!
Bedachtsam und achtsam, die Lichter stets kregel,
Bleibt immer und ewig die fürnehmste Regel;
Doch habt ihr den Zielpunkt und winkt euch Gewinn –
In Gottes Namen laßt fahren dahin!
Und dann, meine Herr’n, nehmt euch sauber in acht,
Damit ihr nicht Fehler und Schnitzer macht,
Die Weidmannssprache nicht quält und verschandelt,
Die ehrlichen Sauen mit Anstand behandelt;
Drum sei euch allen, nach Rangwert und Stufen,
Noch einmal in Lauscher und Löffel gerufen:
Das Weibsbild heißt Bache und Keiler der Mann,
Und steigt er die Treppe des Alters hinan,
Dann wird so ein Schwarzrock, wie allbekannt,
Auch hauendes, gutes und Hauptschwein genannt.
Der Vorkopf heißt Wurf und der Rüssel Gebreche,
Der Hauzahn Gewehr, und wenn ich noch spreche
Vom hinteren Spielwerk, so purzelnd und klein,
So nennt sich das Bürzel, auch Federlein.
So aber zwei Sauen in Liebe sich finden,
Sich grunzend vereinen und eh’lich verbinden,
Kurz, wenn sie erfüllen die heiligste Pflicht,
Dann sagt man: sie rauschen, doch rammeln sie nicht.
Und naht sich die Zeit, wo in traulichen Banden
Gewisse Erwartung und Hoffnung vorhanden,
Ja dann, meine Herr’n, und mal ehrlich gesprochen –
Die Bache, sie kommt nicht in Wehen und Wochen,
Vielmehr und hingegen – und das bleibt der Kern:
In diesem Falle: sie frischt, meine Herr’n.
Sapienti sat! – doch da fällt mir noch ein:
Will einer ein herzhafter Jägersmann sein,
Und steht er auf Anstand, und zwickt es und zwackt es,
Und kommt da so’n Kneifen, so’n heillos vertracktes,
In Gottes Namen, der gebe dem West,
Was sich nicht bannen und halten läßt!
Der Waldesodem verteilt und verweht es,
Im Waldesrauschen zerfließt und zergeht es,
Es schadet dem Wild nicht und nicht dem Revier;
Doch nutzt es dem Ganzen und macht noch Pläsier.
Und damit genug! – euch werde zuteil
Ein fröhliches Jagen und Weidmannsheil.
Auch ehrt meine Worte, und laßt euch nicht reuen,
Was laut ich verkündet in Ehren und Treuen;
Und bleibt mir gewogen mit Kegel und Kind . . .
In sancto Huberto – die Sauhatz beginnt!«
So sprach Herr Zenz, der Hochgelahrte,
Und wie der greise Fürst am Meer,
Wie Thules König, Herr im Barte,
Trank er ‘nen Moselbecher leer.
Da gab’s Tumult auf allen Bänken,
Und Beifallsklatschen und Applaus;
Die herrlichste von allen Schenken,
Sie ward zu einem Jubelhaus.
Man war beseelt, man war begeistert,
Man sah die Zukunft licht und blau,
Und jeder hatte schon bemeistert
Im Geiste eine grobe Sau.
Man sah in prächtiger Parade
Bereits die Strecke ausgekreist
Und Keule, Ziemer und Roulade
Schon in effigie verspeist.
Auch ließ man Wildschweinköpfe stopfen,
Natürlich, wie im Winterwald,
Wobei ein Heer von dicken Pfropfen
Sich laut und lustig sah verknallt.
Der Jubel fand nicht Ziel und Ende,
Man war bewegt in Herz und Sinn,
Und alle streckten ihre Hände
Bewundernd nach dem Sprecher hin;
Man schwenkte Hut und Pudelmütze,
Und Wieprecht sang, vom Lärm umtollt:
»Ein Schütz bin ich, ich bin ein Schütze,
Doch nicht in des Regenten Sold!«
Dann aber . . . durch das laute Treiben,
Bald lustig, bald mit Allgewalt,
Habt acht! – durch die gefrornen Scheiben
Das sechste Horrido erschallt.