Das letzte Horrido

Ein Wetterwirbel uns umflammte.
Kein Zweifel mehr, man wußte ja:
Jetzt war das höllenhundverdammte
»Periculum in mora« da.
Res ad triarias . . . und so weiter.

Man war entsetzt, man war bedrängt;
Es schien, als kämen jetzt die Reiter
Der Offenbarung angesprengt,
Als stürzten losgelöste Blöcke,
Mit Hurra, Hussa und Skandal,
Durch Steingeröll und Rebenstöcke
Ins sternumblitzte Moseltal,
Als wär’ von Pauken ein Gelärme,
Von wilden Rossen ein Geschnauf,
Als spielten tausend Katzendärme
Zu einem Hexensabbat auf.
Im Lärm erstarb, was froh und heiter;
Die Angst umflügelte den Ort.
Die weiße Hand schrieb immer weiter;
Sie schrieb und schrieb und ging nicht fort.
Man sah die fürchterlichen Zeichen;
Mit Grausen folgte man der Schrift
Und dachte, sprachlos wie die Leichen,
Bereits an Totschlag, Dolch und Gift.
Man hörte heulen, Türen krachen,
Nach Waffen rufen, grimm und graus,
Und wie von infernalem Lachen
Erschütterte das ganze Haus.
Mein Gott! – was war dem Dorf beschieden?
War wieder Plackerei im Land?
Kam eine Schar von Spartakiden,
Von Bauernräten angerannt,
Um andermannes Milch zu buttern,
Um zu verwursteln dessen Schwein,
Um andermannes Brot zu futtern,
Um andermannes Weib zu frein,
Um, eine Laus und eine Seele,
Ein Dreck, ein Speck, ein Grind, ein Haar,
In Kraft der eigenen Befehle
Zu mopsen, was zu mopsen war?!
War er, der frühere Magister,
Matthias Spiegelberg im Nest,
Um nunmehr als Finanzminister
Zu lärmen beim Champagnerfest?!
Ha, Gottes Brand und Brunst und Lohe!
Wer läßt das grause Schicksal ruhn?!
Die Dichtkunst nur, die reine, hohe,
Nur sie kann dieses Wunder tun;
Denn wenn die Not zuhöchst gestiegen,
Sich Jammer neben Jammer kerbt,
Wenn rings die Unglücksvögel fliegen,
Daß schwarz der Horizont sich färbt –
Der Dichter bringt sofort ins Stocken
Das tragisch aufgewühlte Meer;
Er schüttelt seine Dichterlocken,
Und eitel Freude ist umher.
Ja, lieber Leser: jede Dichtung –
Und das ist äußerst angenehm –
Die hat ‘ne sogenannte Richtung,
Die man verwendet je nachdem.
Man kann sie ernsthaft pilgern lassen,
Das Herz von grimmem Leid durchharkt,
Man kann mit lustigen Grimassen
Sie werfen auf den lauten Markt,
Man kann, was tragisch, plötzlich modeln,
So daß es wie ein Bächlein fließt
Und mit Juchhei und lautem Jodeln
Die schönsten Purzelbäume schießt.
Das sollte auch die Tafelrunde
An sich erfahren kurzerhand,
Als sie in dieser ernsten Stunde
Noch immer wie versteinert stand.
Ha, wie der Wechsel animierte!
Was traurig war, das wurde froh,
Und was verdammelt vor sich stierte,
Das brannte hell wie Haberstroh.
Denn plötzlich wie aus heiterm Himmel,
Mit Rasseln, Prasseln und Juchhu –
Das ganze lärmende Gewimmel,
Es wälzte sich der »Traube« zu.
Mit Rasseln, Prasseln kam es näher.
»Die Türen auf! – Was los, was los?!«
Der volle Mond, der bleiche Späher,
Sah auf das brausende Getos.
Vor Freude sträubten sich die Haare,
Die Herzen wurden übersonnt,
Und hellauf tönte die Fanfare:
»’ne Sau im Dorf! – ‘ne Sau in Cond!«

»Was für ‘ne Sau?!«
»’ne angeschweißte,
‘ne grobe Sau, ein wahrer Staat!
‘ne Sau, die munter talwärts reiste
Und sich im Dorfe niedertat!«

»Zum Henker – wo?!« so rief der Richter,
Der Amtsgerichtsrat Num’ro eins.
»Zum Henker – wo?!« rief auch der Dichter,
Doch etwas schlotternden Gebeins.
Der Doktor suchte nach Patronen
Und jubelte: »Das wird ein Spaß!«
Und Hubaleck – Gott mag’s ihm lohnen! –
Ergriff beherzt das Moselglas.
»Da seht, wo steckt jetzt Geist und Grütze?!«
Schrie Wieprecht wie ein tönend Erz.
»Ein Schütz bin ich, ich bin ein Schütze,
Denn ich traf mitten sie ins Herz!«
»Daß dich der Henker!« rief der Dicke,
Der Richter eins, durch Dampf und Dunst,
Und funkte schwefelgelbe Blicke
Aufs Sprachorgan der schwarzen Kunst.
»Das Maul gespitzt und scharf gepfiffen,
Ob Jude, Türke oder Christ!
Das Messer blank und zugegriffen!
Mir nach, was noch ein Jäger ist!
Mir nach kraft alter Weidmannssitte!
In Gottes Namen – los dafür!«
Da – Himmelschwerenot! – ich bitte . . .
Da stand der Keiler in der Tür.

Den Wurf verschweißt und Schweiß im Barte
Die Lichter graß und liebeleer –
Er rüttelte die Panzerschwarte
Und wies das drohende Gewehr.
Hu Sau! Hetz, hetz! – Die Weiber irrten
Verstört umher; ihr Busen flog.
Sie kreischten, daß die Flaschen klirrten,
Und hoben ihre Röcke hoch.
Es lösten Nesteln sich und Krempen,
Und, der Besinnung schier beraubt,
Sie stierten auf den schwarzen Kämpen
Gleichwie auf ein Medusenhaupt.
Der aber . . . schnaufend vor Entsetzen,
Vergrämt im Licht des weiten Raums,
Warf schleudernd Flocken auf und Fetzen
Und dicke Spritzer roten Schaums.
So mochte Hagen einst, der schlimme,
Am Hofe König Etzels stehn,
Als er ins leichenfahle, grimme
Gesicht des Todes mußte sehn.
Doch plötzlich – Bomben und Granaten! –
Gleichviel ob er die Angst verlor,
Ob’s Wieprecht und sein Käse taten –
Er nahm sie an und rauschte vor.
Und wiederklang’s: »Jetzt heißt’s gepfiffen,
Ob Jude, Türke oder Christ!
Die Klinge blank und zugegriffen!
Mir nach, was noch ein Jäger ist!«
Doch Meister Wieprecht, der Lateiner,
Er rief, als er den Vormarsch sah,
Jetzt gram und graus und forsch wie einer:
»Pro gloria et patria!«
Und nahm und packte just das Messer,
Das zum Tranchieren sollte sein,
Und stieß es wild dem Allesfresser
Ins hauende Gebrech hinein,
Und hob sich auf, indes die Bude
Durchlärmte jubelndes Geschrei,
Und tanzte wie ein Botokude
An der Sau, an der Frau, an der Bank vorbei.
Und herrlich, wenn auch ohne Wehren,
Und wenn auch ohne Fichtenbruch,
Herr Peter Zenz, ergraut in Ehren,
Trat vor und sagte diesen Spruch:

»Nun hat der Himmel gesprochen,
Nun lächelt uns schöner die Welt;
Der große Bann ist gebrochen
Und der Keiler mannhaft gefällt.
Was keinem von uns gelungen,
Da draußen in Berg und Tal –
Du hast den Preis errungen
In unserm Stammlokal.
Nun wird dein Name fliegen
Wie ein Falke, frank und frei,
Und wo die Besten siegen,
Ist Wieprecht auch dabei.
Dort, wo die Hirsche röhren,
Wo’s blitzt und knallt und bellt,
Wo unter Eichen und Föhren
Die pflügende Sau sich stellt,
Wo zwei sich finden alleine,
Wo fröhlich das Glas man umspannt –
Beim Jäger, beim Mädel, beim Weine
Wird rühmlich dein Name genannt.
Huberti hochheiliger Orden
Ist restlos dir zugedacht.
Du bist unser König geworden,
Ein König im Reiche der Jagd.
Und wenn auch ergraut deine Locke,
Nur vorwärts mit munterem Schritt!
Noch lange spiele mit Hocke,
Mit Bindewald, Zacke und Schmidt!
Die Liebe – laß funken, laß funken!
Erfreu’ dich noch lange des Weins!
Und hast du ein Fuder vertrunken,
So trinke immer noch eins!
Und ihr – wollt die Gläser erheben!
Zu herzhaftem Trunk seid bereit!
Herr Wieprecht soll leben, soll leben
In alle Ewigkeit!«

So sprach Herr Zenz mit Gottvertrauen,
Und ringsum Gläserklang und Glanz,
Und jubelnd sangen alle Frauen:
»Wir winden dir den Lorbeerkranz!«
Der Jubel schlug die lauten Becken:
»Komm, Brüderlein, auf du und du!«
Und wie die fetten Weinbergschnecken
Kroch jeder seinem Gläschen zu.
Ha, wie’s um Hermann Joseph maite!
Es riß ihn auf mit aller Macht;
Er nahm sein Horn und trallaleite
Hin durch die sternbeglänzte Nacht.
Und in das selige Frohlocken,
In Jägerlust und Lied und Wein,
Da stimmten rings die Abendglocken
Mit feierlichen Stimmen ein.
O wunderliebliches Geläute!
Du meine Lust, du meine Qual!
Wie einst es klang, so klang’s auch heute
Durchs winterliche Moseltal:

»Vinum de vite, donum de Deo,
Domum de Deo!
Donum de Deo!«

Und als sie gingen ihre Pfade
Dahin in andachtsvoller Ruh –
Der letzte Teil der »Brixiade«,
Er machte still die Augen zu.
Die Gläser nur in der Gemeine,
Sie klingelten zum guten Schluß:
»Ein Hoch der Jagd, ein Hoch dem Weine,
Ein Hoch dem Hause Brixius!«