Das neunte Horrido

Bei Brixius ein Schüsseltreiben,
Du lieber Gott! das ist ein Fest,
Aus dem, um nüchtern nur zu bleiben,
Man herzhaft sein muß wie Asbest.

Da sitzen ausgepichte Männer
Mit kluger Zunge, feinstem Mund,
Und jeder ist der größte Kenner
Von dem, was quillt aus Hahn und Spund.
Was über uns hereingebrochen,
Dem sind sie tief im Herzen gram,
Sind kaisertreu bis auf die Knochen
Und pfeifen auf den andern Kram.
Wenn sie den vollen Becher heben,
Geschieht’s mit Andacht und Verstand,
Und Feste wissen sie zu geben
Wie nirgendwo im deutschen Land.
Jedoch was sind die schönsten Feste,
Wenn dies und das und jenes fehlt
Und nicht den Kreis der hohen Gäste
Die holde Weiblichkeit beseelt?!
Wo stille Augen, volle Blusen,
Wo sanftes Blinzeln dann und wann
Und ein von Taft umhüllter Busen
Sich schmiegt an den beglückten Mann,
Wo leises Kichern, heimlich Kosen
Verschwiegen aus der Ecke dringt
Und ein Gerank von jungen Rosen
Sich um die Tafelrunde schlingt,
Erst da erhebt das Herz sich freier,
Wird flügelstark und liederreich,
Erst da wird jedes Fest zur Feier,
Erst da der Mensch den Göttern gleich.

Und so auch hier nach frohem Jagen!
Denn kaum, daß Hornruf und Gesang,
Vom Abendwind zu Tal getragen,
Zum Schank der »Goldnen Traube« drang,
Da regte sich’s in Topf und Teller,
In Schrank und Schrein, in allen Truh’n,
Und da – im kühlen Moselkeller
Begann ein wundersames Tun.
Die tiefen Steingewölbe brummten
Bald hier, bald dort, bald dort, bald hier,
Und volle Fuderfässer summten:
»Im kühlen Keller sitz’ ich hier.«
Von den mit Wein beträuften Stufen
Hob sich ein Geist in weißem Flaus
Und wandelte um Faß und Kufen
Und trank zwei Weinbouteillen aus.
Das war der Geist der Brixianer,
Der schon für sie so manches Jahr
Ein treuer Ekkehard und Mahner,
Ein guter Kneipgenosse war.
Die feuchte Lippe dicht beim Glase,
Das Antlitz rosig wie der Tag,
Mit blühender Karfunkelnase
Sah er die Flaschen an und sprach:
»Mir war’s in meinen stillen Tiefen,
In exquisiter Flaschnerei,
Als wenn die Brixianer riefen
Mit Horrido und Hifthornschrei.
Ich weiß, sie zogen aus zum Jagen,
Den grünen Ranzen huckepack;
Kaum mochte jeder seinen tragen,
So lastete der schwere Sack.
Ich weiß auch, daß die Karawane
Sich vorwärts schob im Pulverdunst;
Nur weiß ich nicht, ob Frau Diane
Begnadet sie mit Glück und Gunst.
Das aber weiß ich – Blitz und Daube! –
Zur rechten Zeit fällt’s mir noch ein:
Kaum sind sie in der »Goldnen Traube«,
Sie wollen Wein, sie wollen Wein.
Sie wollen Weiber erster Güte,
Ja, Weiber schön und heiß an Blut,
Geboren aus der Rebenblüte,
Gezeugt in voller Sonnenglut.
Sie wollen Weiber nicht zu massig
Und ohne zimperlich Getu,
Zum Küssen gut und stramm und rassig
Und blank vom Scheitel bis zum Schuh.
Drum ich, der Herr von Gunst und Gnade,
Ich will ein Wunder – heureka!
Wie solches in der »Brixiade«
Und in der »Martinsgans« geschah.
Zum ersten . . .!« – und aus Glas und Glimmer,
Aus Kork und Kapsel, Duft und Wein,
Da trat ein schmuckes Frauenzimmer
Ins Menschenleben plötzlich ein.
Das war’ne Maid mit vollen Backen,
Strammwadig und von Valwig her;
Auf deren Busen ließ sich knacken
Ein Floh, und das, wer weiß wie sehr.
Die hielt sich bestens gleich empfohlen,
Bedankte sich diverse Mal
Und trällerte auf flinken Sohlen
Direkt ins traute Stammlokal.
»Zum andern . . .!« – und aus Glas und Glimmer,
Aus Kork und Kapsel, Duft und Wein,
Da trat ein zweites Frauenzimmer
Ins Menschenleben plötzlich ein.
Verliebt bis über beide Ohren,
Ein Lautenklang, ein süßer Traum –
Sie war zu Trittenheim geboren
Und spritzig wie Champagnerschaum.
Auch sie hielt bestens sich empfohlen,
Bedankte sich diverse Mal
Und trällerte auf leichten Sohlen
Direkt ins traute Stammlokal.
»Zum dritten . . .!« – und aus Glas und Glimmer,
Aus Kork und Kapsel, Duft und Wein,
Trat wiederum ein Frauenzimmer
Ins Menschenleben plötzlich ein.
Den Strom zu Berg’, auf steilen Warten,
Wo man die Reben talwärts beugt,
In Ürzigs großem Zaubergarten,
Da wurde diese Maid gezeugt.
Sie nahm das Leben leicht hienieden
Und trug’, wie eine lose Frau,
Die Äpfelchen der Hesperiden
Vor Gott und aller Welt zur Schau.
Sie gab kein Rasten und kein Ruhen,
Sie lockelte auf eigne Art
Und ging auf zieren Stöckelschuhen
Dem großen Geist um Haar und Bart.
Dann hielt auch sie sich sehr empfohlen,
Bedankte sich diverse Mal
Und trällerte auf raschen Sohlen
Direkt ins traute Stammlokal.
»Zum letzten . . .!« – und der alte Meister,
Der Zauberer und Nekromant,
Beschwor den höchsten seiner Geister
Und hob die schleierweiße Hand.
»Zum letzten . . .!« – und aus Glas und Glimmer,
Aus Kork und Kapsel, Duft und Wein,
Trat ein verzücktes Frauenzimmer
Ins Menschenleben plötzlich ein.
Ihr Blick ging in verträumte Weiten,
War äolsharfenlau durchwärmt;
Sie glich der Frau, um die vorzeiten
Sich Ritter Toggenburg gehärmt.
Ihr Fuß war weich, ihr Schritt war linde,
Ihr Herz geruhsam wie die Nacht;
Sie trug der Nonnen Sendelbinde,
Sie trug der Nonnen schlichte Tracht.
Sie lächelte nur eitel Güte,
Durch sie ambrosisch war die Luft;
Ihr Hauch schien lauter Rebenblüte,
Ihr Odem lauter Traubenduft.
Sie war ein Traum auf weiter Heide,
Ein Pilgerstern auf heil’ger Bahn,
Und dennoch – unter ihrem Kleide,
Da schlief ein tätiger Vulkan;
Denn sie, die hier in diesem Hause
Gekommen unter Dach und Fach,
Das war die Äbtin der Kartause,
Die holde Frau von Eitelsbach.
Und was das heißt – o Herr der Reben! –
Weiß jeder, der mit ihr gescherzt,
Ach Gott! – der einmal nur im Leben
Sie abgeküßt, umarmt, geherzt.
Nachdem sie würzig sich empfohlen,
Sich auch bedankt diverse Mal,
Da ging auch sie auf weichen Sohlen
Direkt ins traute Stammlokal.
Und als das letzte Frauenzimmer
Die Kellertreppe stieg hinan,
Da sprach der Geist durch Glast und Glimmer,
Und weinbeseligt hub er an:

»Nun hab’ ich des Zaubers gewaltet,
So gut es sich machen läßt;
Nun habe die Kraft ich entfaltet,
Die nötig zum heutigen Fest;
Denn was ich geflascht und gesiegelt,
Gelagert und sorglich gepflegt,
Das wurde entkorkt und entriegelt
Und fröhlich im Kreise bewegt;
Das stellt jetzt beim Schüsseltreiben
Als glückliche Frauen sich ein
Und lockelt durch Türen und Scheiben
Den Moselzauber herein;
Das prickelt und perlt um die Nase,
Zum Scherzen und Lieben bereit,
Und fördert aus kreisendem Glase
Des Lebens Wurschtigkeit.
Denn Wurschtigkeit soll man haben,
Wo alles verpöbelt, verroht,
Soll alles begraben, begraben,
Was einen mit Leid bedroht.
Und wem der Wimpel am Maste
Dahinfuhr vor Tauen und Tag,
Und wer einen Keiler verpaßte,
Der trau’re den beiden nicht nach.
Drum, was ich geflascht und gesiegelt,
Gelagert und sorglich gepflegt,
Das wurde entkorkt und entriegelt
Und fröhlich im Kreise bewegt.
Das wirbt nun mit Augen, den blauen,
Und schmunzelt in Liebe und Scherz
Und wirft sich als selige Frauen
Den Brixianern ans Herz.
Ins Horn drum, ins Hifthorn geblasen,
Mit schmetterndem Jubel fallt ein
Und salbt eure Seelen und Nasen
Mit köstlichem Moselwein!«

So sprach der Kellergeist vergnüglich
Und stieg empor ins Kelterhaus
Und süffelte dort unverzüglich
Die dritte Weinbouteille aus.
Und während er bei Faß und Daube
Dann lallend sank ins Flaschenstroh,
Habt acht! – dicht bei der »Goldnen Traube«
Erschallt das zehnte Horrido.