Das zehnte Horrido

Favete linguis! – wer mag schildern,
Wie jetzt das Herz zum Herzen flog,
Was hier in wundersamen Bildern
Das traute Stammlokal durchzog!

Beredtes Finden, selig Grunzeln!
Beglückte Schau, wohin man sah!
Nicht abgestandene Rapunzeln,
Nein, flotte Weiber waren da.
Verliebte Weiber, reich an Fülle,
Ach! deren Reiz, wie Tau und Tag,
In seiner kargbemess’nen Hülle
Jetzt an der Brust der Jäger lag!
In diesen Blicken – welch ein Sehnen!
In diesem Stammeln – welch ein Ton!
Denn solche taumelfrohen Szenen
Sah nicht der göttliche Perron,
Sah nicht Catull, des Dichtergabe
Sich oft bewährt bei frohem Scherz,
Hat nie besungen voller Labe
Der liederkundige Properz.
Hier spielte Zenz schon mit den Zöpfen
Von Valwigs Kind, zum Kampf bereit,
Und einte seinen Hirschhornknöpfen
Beglückt den Busen dieser Maid.
Der Doktor, feixend wie ein Dackel,
Er fühlte sich sofort am Platz
Und nahm sich, ohne viel Gefackel,
Die Trittenheimerin zum Schatz.
Und Peter Wieprecht – Wieprecht schnalzte
Sich vor aus seiner Liebesbahn
Und kollerte alsdann und balzte
Um Ürzigs Mädel wie ein Hahn.
Er war vergnügt, er war zufrieden;
Denn seine Sehnsucht und sein Traum:
Die Äpfelchen der Hesperiden,
Sie hingen immer noch am Baum.
Eljen! Eviva! Blitz und Teufel
Und Horrido und Brand und Brunst!
Der Hoffnung perlendes Geträufel
Umsprudelte die schwarze Kunst,
Umsprudelte die Mise en scène,
Die jetzt ganz gäng und gäbe war;
Im Auge eine heiße Träne,
Stand weltentrückt ein stilles Paar.
Verhimmelt stand die bleiche Nonne,
Von allen Ordensregeln frei,
Und sie zerfloß in Weh und Wonne
Beim Amtsgerichtsrat Num’ro zwei;
Denn dieser Amor, sozusagen,
Sah Gott und alle Welt in ihr
Und suchte über ihrem Magen
Das vielbegehrte Skapulier.
Und was er suchte mit Verständnis,
Das war so zart wie Elfenbein;
Sie aber flüsterte in Bängnis:
»Du, lieber Saint Julien, halt ein!
Halt ein, halt ein . . .!« denn auf der Schwelle
Stand Hermann Joseph strack und stramm,
Und durch den Klingklang einer Schelle
Rief er beherzt: »Ad tabulam!«
Ad tabulam! – und fröhlich reihte
Sich Mann an Weib und Weib an Mann,
Und alle sahn die weiße Spreite
Mit schwelgerischen Augen an.
Und was da kam und kommen sollte,
Was sich mit zartem Duft umflort,
Was alles auf die Tafel wollte,
Sei’s nun gesotten, sei’s geschmort,
Was sich aus Schüssel, Napf und Schale
Verheißend in die Nase schlich,
Das ließ selbst die Cäsarenmahle
Der alten Römer hinter sich.
O diese Mahle, dieses Prassen!
Fast wird mir angst und himmelweh!
Auf solchen Tafeln gab es Brassen,
Gefangen im Lucriner See.
Da wurde kurzerhand verschlungen
Gebacknes Hirn vom stolzen Pfau;
Da gab es Nachtigallenzungen
Und Zitzen von der Muttersau.
Da gab’s Poularden, maisgenudelt,
Langusten, von Ragusa her,
Muränen, welche froh gesprudelt
Im lieblichen Tyrenermeer.
Da gab es Wachteln, vollgebrustet,
Die zarten Fersen vom Kamel,
Und alles schlemmerhaft umkrustet
Mit Kandiszucker und Kaneel.
Ich möchte singen noch und sagen
Von Trüffeln, feingarniert mit Speck,
Durchmorchelten Giraffenmagen,
Von Schnepfen und Fasanendreck.
Doch besser wohl: mag’s unterbleiben;
Denn hier nach alter Observanz –
Bei Brixius das Schüsseltreiben
War reichlicher an Fett und Glanz.
Zuerst erschien – nachdem das Zimmer
Von Deck’ zu Diele sich erhellt
Und sich ein sanfter Lampenschimmer
Dem weißen Tafeltuch gesellt –
Zuerst erschien . . .
Doch halt! – ich bitte
Um zwei Minuten Aufenthalt;
Denn würdevoll nach alter Sitte
Hob Zenz die mächtige Gestalt.
Im Licht der graumelierten Schwarte,
Im Jägerwams ein schmucker Mann,
Erhob der leichthin Angejahrte
Die rechte Hand und sprach alsdann:
»Willkommen, brave Weidgesellen,
Die ihr nach fröhlichem Gejaid,
Gleichwie die raschen Bachforellen,
Noch sprudelfrisch und munter seid!
Doch wo sich solch ein Rudel findet,
Sei’s, wo es sei, bei Tag und Nacht,
Zuerst, weil’s alle uns verbindet,
Des höchsten Herren sei gedacht!
So will’s der Brauch auf deutschem Boden,
So lang der Forst noch Nadeln trägt
Und herzhaft unter Wams und Loden
Ein deutsches Jägerherz noch schlägt.
So will’s der Brauch in unsrer Mitte,
Im freien Feld, waldaus, waldein;
So will’s Gesetz, so will’s die Sitte,
So und nicht anders soll es sein.
Den Königsadler sah ich kreisen
Und sah, wie er sich niederließ,
Und sah, wie ein verruchtes Eisen
Die Brust ihm weidewund durchstieß.
Ich sah, wie man die Zwietracht säte,
Und hörte – o der grimmen Schmach! –
Wie man den Königsadler schmähte,
Da hilflos er am Boden lag.
Jetzt weint um ihn die deutsche Heide,
Jetzt klagt um ihn der deutsche Wald,
Gleich, ob er steht im grünen Kleide,
Gleich, ob der Schneehauch ihn umkrallt.
Jetzt klagt um ihn das junge Leben,
Das Alter im ergrauten Haar,
Das Herz, das immer ihm gegeben
Das, was von je des Kaisers war.
Wir aber, wir – wir sind die Alten,
Trotz Weh und Jammer, Leid und Not;
Was wir gelobt, das wird gehalten,
Getreu und spurfest bis zum Tod.
Auf Flur und Feld, auf grünen Bahnen,
Ob’s blitzt und donnert, friert und schneit –
Für ihn und seine alten Fahnen
Sind stets zu sterben wir bereit.
Und wenn vergrämt auch unser Leben,
Dahin der kaiserliche Stern –
Er wird und muß sich wieder heben . . .
Dies Glas dem kaiserlichen Herrn!«

Und »Horrido!« – die Gläser klangen,
»Ein Hoch dem angestammten Haus!«
Und tausend helle Funken sprangen
In Gottes Abendlicht hinaus.
Und »Horrido!« – auf Sturmgefieder
Drang’s aus dem alten Stammlokal;
Der Burgberg gab das Echo wieder,
Und jubelnd zog’s durchs Moseltal.
Und durch den Jubel – welch ein Düften,
Welch wunderseliges Arom!
Als käme aus Arabiens Lüften
Daher ein ganzer Balsamstrom.
Im Nu verklärten sich die Mienen;
Denn dampfumschleiert und verhüllt
Erschien die größte der Terrinen,
Mit Löffelerbsen angefüllt.
In dieser Löffelerbsenbrühe,
Da lag – o welche Poesie! –
Da lag wie Venus in der Frühe
Durchwachs’ner Speck in Sellerie.
Man war beglückt im ganzen Kreise,
Als man das Suppenwunder sah . . .
»O Löffelerbsen – Götterspeise,
O Sellerie – Ambrosia!
Wie düftelt zart ihr in die Nase,
Und wie erregt ihr Herz und Sinn!«
So sprach denn auch mit viel Emphase
Die dralle Valwigbergerin,
Wobei sie an die Keilerschwarte
Das ährenblonde Köpfchen schob,
Herrn Zenz ihr Sehnen offenbarte
Und fragend dann das Näschen hob:
»Nun, Dickerchen, zu meinem Frommen,
Nun sag’ mir mal ganz frank und frei,
Was eigentlich herausgekommen
Bei eurer ganzen Jägerei?
Wem ist der Meisterschuß gelungen?
Und wer ergriff die Sau beim Schwanz?
Dann wird von uns auch froh gesungen:
Wir winden dir den Lorbeerkranz.«
»Sau hin, Sau her!« so sprach der Dicke,
Der Themis vielerprobter Mann,
Und sah mit feuchtverklärtem Blicke
Das flotte Moselmädel an.
»Nach Sauen steht nicht mein Verlangen,
Hier bin ich voll des edlen Weins,
Hier wird geherzt auf Mund und Wangen
Vom Amtsgerichtsrat Num’ro eins.«
Er sprach’s und küßte brav und wacker,
Daß es wie Flintenschüsse klang.
»Im übrigen, du kleiner Racker,
Da kommt bereits der zweite Gang.«

Der zweite Gang! – mein Herz sei stille!
Ein Tier, das lebend ging und flog!
Ein Bronzehahn, der mit Kokille
Gewiß an dreizehn Kilo wog!
Ein Puter war’s, ein Welschkornfresser,
Gefüllt und fast dem Platzen nah,
Wie ihn Trimalch, der größte Esser,
Nicht in den schönsten Träumen sah.
Ein Puter wurde aufgetragen
So gastronomisch zart umweht,
Daß man die Laute ihm wird schlagen,
So lang die Schlemmerei besteht,
So lang der Doktor noch als freier,
Gesuchter Arzt herumklistiert,
Der Dichter Phöbus’ goldne Leier
Mit seinen Liedern malträtiert,
So lange Hubaleck noch knuttert,
Daß guter Wein so äußerst rar,
Und Meister Peter Wieprecht futtert
Wie ein tunesischer Korsar.
Und was an Waffen und an Wehren
Bei jedem Teller sich befand,
Das faustete, dem Hahn zu Ehren,
Ein jeder nun mit starker Hand.
Der Doktor sah mit sanftem Blicke
Beseelt ins üppige Gelag
Und dachte über die Geschicke
Des aufgetragenen Vogels nach.
Er pries ihn voller Herzlichkeiten,
Er pries ihn schön und warm und tief,
Indes das Mädel ihm zur Seiten
Vergnügt ihm in die Lauscher rief:
»Den Truthahn lobt man jubeltönig,
Doch von dem Jagen selbst ist Ruh.
Wer war bei euch denn Schützenkönig?
Und, Doktorchen, was trafst denn du?«
»Sau hin, Sau her! – jetzt wird gesäbelt,
Jetzt wird mangiert, was vor uns steht,
Und außerdem wirst du geschnäbelt,
Bis alles Fragen dir vergeht.«
So hörte man den Doktor sagen,
Und als ein Mann beherzt und grad,
Er tat alsdann, was er vor Tagen
Schon in der »Brixiade« tat.
Er schlang beglückt um sie die Arme
Und schwänzelte verliebt um sie
Und zog sie dann beherzt aufs warme
Und vorgestreckte linke Knie.
Er tät ihr Spitzentuch betippen,
Er suchte selig ihren Mund
Und trank an ihren frischen Lippen
Das kranke Doktorherz gesund.
Und drüben, eitel Licht und Sonne,
Zerschmelzend schier vor Gunst und Glück,
Saß Hubaleck bei seiner Nonne
Und bot ihr dar das beste Stück.
»Sau hin, Sau her!« so sprach er leise,
»Im Wein allein ist Himmelsruh!«
Er sprach’s und schob in sanfter Weise
Den Fuß auf ihren Nonnenschuh.
»Ach, hast du göttliche Manieren,
Mein Liebling, du!« so hub sie an.
»Du riechst auch nicht nach Stiefelschmieren,
Bist auch kein wilder Jägersmann.
Das rauhe Tun, das Horngeblase,
Des Kesseltreibens plumpe Hast,
Das über Feld- und Flurgerase
Ist in der Seele dir verhaßt.
Ich weiß, du hast nicht solche Schrullen,
Dein Herz ist ein geruhsam Meer;
Du trinkst nur gute Moselpullen
Zum Wohle deiner Dame leer.
Du läßt die lieben Häschens rammeln,
So viel sie wollen im Revier,
Und was die Jägerleute stammeln,
Gilt dir kein faules Staatspapier.
Doch setzt zum Tändeln und zum Scherzen
Die Liebste sich auf deinen Schoß,
Dann zielst du stets nach ihrem Herzen,
Dann, liebes Kerlchen, drückst du los.
Und so auch hier . . .«
Sie sprach nicht weiter;
Denn lächelnd schürzte sie den Bund
Und drückte heftig, hold und heiter
Ihr Lippenpaar auf seinen Mund
Und küßte ihn, bis leise schnuppernd
Sie den Galan beiseite schob
Und dann, am ganzen Herzen puppernd,
Das graziöse Näschen hob.
Ihr Denken schwand, ihr Wort ging lallend,
Sie sprach von Plattheit und Malör,
Wobei, in eine Ohnmacht fallend,
Sie ausrief: »Karlchen, welch Odeur!
Welch Höllenstank . . .!«
Da mit Emphase
Herr Wieprecht von den Binsen sprang.
»Madame,« so rief er in Ekstase,
»Madame, das ist der dritte Gang!
Madame, das ist was für die Näse,
Für Herz und Mund ein Paradies!
Madame, das nennt man Mainzer Käse,
Auch wohl Fromage und Chestercheese.
Schon Perikles war ihm gewogen,
Als er ihn mit von Troja nahm
Und dann, im Schmuck von Pfeil und Bogen,
Zum Schweinehirt Eumäos kam.
Und Sie, Sie wollen sich mokieren
Jetzt über diesen edlen Duft?
Wenn Sie den Käs nicht estimieren,
Dann gehn Sie lieber an die Luft.
Ich aber will vom Käse sprechen,
Der sich bewährt in Feld und Wald. . .«
Habt acht! – denn unter frohem Zechen
Das elfte Horrido erschallt.