Das zweite Horrido

Nun steigt herauf ein artig Bildchen:
Ein Häuschen, eppichgrünumweht;
Am Eingang links ein blankes Schildchen,
Worauf recht nett geschrieben steht,

Daß mittags zwischen zwei und viere
Und morgens bei gesetzter Frist
Der Herr und Meister der Klistiere
Für jedermann zu sprechen ist.
Das Ganze trägt den milden Stempel
Urfriedlicher Besonnenheit;
Denn jeder weiß, daß diesen Tempel
Der Hygiea man geweiht,
Daß hier die beiden Schlangen wohnen,
Die, ringelnd sich um einen Stab,
Man, wie bekannt in allen Zonen,
Zediert dem großen Äskulap,
Daß hier in Fläschchen und Phiolen
Sich birgt manch köstliche Mixtur
Und rings ein Düften nach Karbolen
Verrät des Meisters edle Spur.
Hier pocht das Elend an die Pforte,
Hier zieht der Schmerz die Lippen kraus,
Hier hört man weisheitsvolle Worte
Und geht alsdann beglückt nach Haus.
Hier reißt man Zähne, heilt Gebresten,
Hier wird geraspelt und punktiert,
Und macht der Grimmdarm uns Molesten,
Wird alle Not hinauslaxiert.
Und ist in heikeln Sachen einer
Ganz durcheinander und malad,
Der brave Doktor weiß wie keiner
Auch selbst in diesem Falle Rat.
So ist das Haus im Weltgetriebe
Ein Stelldichein von Mut und Kraft,
Ein Sanktum echter Menschenliebe
Und ein Dorado, märchenhaft!

Und plötzlich . . . auch in diese Stille,
Auch hier in den Genesungsborn,
In diese Sanitätsidylle
Drang Hermann Josephs Jägerhorn.
Und nun auch hier das wunderbare
Gedüft nach harzigem Geäst,
Der Zauberruf, die Jagdfanfare:
»Im Conder Wald sind Sauen fest!«
Sind Sauen fest! – Das Wort schlug Funken,
Und wie der Turner Hoppenstett,
Noch etwas schlaf- und taumeltrunken,
Sprang Doktor Hiemenz aus dem Bett;
Tät strudeln wie die Bachforelle
Und strudelte beim Kerzenlicht
Die seifenschaumdurchtränkte Welle
Sich um das rosige Gesicht.
Dann schwang er, um den Bart zu merzen,
Den Messerstahl wie ein Rapier
Und wurde so bei Quart und Terzen
Sein eigner Hof- und Leibbarbier.
Mit Nagelschuh und Lederhose,
Dem Lodenhütchen, schweißbedeckt,
Ward baldigst die Metamorphose
Vom Arzt zum Jägersmann perfekt,
Worauf er, immer gut bei Futter,
Vor seinem Kaffeeschälchen saß
Und tapfer, außer Brot und Butter,
Fünf durch’ne Mainzer Käschen aß.
Zwei Würstchen und ein Schwartenmagen,
Sie wurden auch zu Tod gehetzt,
Die Reste dann mit Wohlbehagen
Im Rucksack würdig beigesetzt.
So neugestärkt und bar der Sorgen,
Ein mit sich selbst zufried’ner Mann,
Sprach er den Jagd- und Wintermorgen
Frischauf mit diesen Worten an:

»Heut wird der Doktor abgetan,
Verpönt Rezept und Tinte;
Denn stolzlich zieh’ ich meine Bahn
Mit Rucksack, Stock und Flinte.
Im Conder Wald sind Sauen fest,
Drum bin ich nicht zu sprechen
Für Cholera, Ödem und Pest,
Vapeurs und Seitenstechen.

Ob heut auch die Maritzebill
Den Volksstaat will vermehren –
Mag kindeln, was da kindeln will,
Ich muß das Weidwerk ehren.
Im Conder Wald sind Sauen fest,
Drum bin ich nicht zu sprechen
Für Wochenbett, Karbol und Pest,
Vapeurs und Seitenstechen.

Und lüde mich zu Spiel und Wein
Ein Heer von Exzellenzen –
Besternte Herr’n, es kann nicht sein,
Trotz köstlichster Kreszenzen.
Im Conder Wald sind Sauen fest,
Und Weidmannsehren winken;
Doch wenn’s sich morgen machen läßt,
Wir wollen Schmollis trinken.

Die Welt ist ein verschneites Grab,
Doch läutet rings die Meute,
O himmlischer Sankt Äskulap,
Gib Urlaub mir für heute!
Im Conder Wald sind Sauen fest,
Drum bin ich nicht zu sprechen
Für Cbolera, Ödem und Pest,
Vapeurs und Seitenstechen.

Und käm’ der Tod mit arger List,
Ich spräch’ zum Furchtgerippe:
Ich bitt’ zur Jagd um kurze Frist
Für Stundenglas und Hippe.
Im Conder Wald sind Sauen fest,
Ganz kapitale Säue;
Und wenn du mir nur eine läßt,
Erweck’ ich Leid und Reue.

Dann bin ich dein, dann folg’ ich gern
Den ewigen Geboten
Und sänge meinem Gott und Herrn
In schöngesetzten Noten:
Nun steht mein Name, goldumtreßt,
Im großen Himmelsbuche,
Und sind bei dir mal Sauen fest,
Herr, schick’ mich auf die Suche!«

So sang der Doktor mit Behagen
Aus seiner Weste, tiefbewegt,
Die, um es kurzer Hand zu sagen,
Schon mit zwei Würstchen war belegt.
Ja, wie ein straffgespanntes Bläschen,
So wölbte sich sein Bäuchlein gar,
Weil noch ein Rudel Mainzer Käschen
In Ehren hier bestattet war.
Bei Gott! der Magen war beschäftigt,
Der Doktor hatte seine Ruh,
Und frischgestärkt und neugekräftigt
Ging er der »Goldnen Traube« zu.
Und während er des Weges schreitet,
Vom jungen Morgenlicht umwallt,
Habt acht! – ganz lind und zart besaitet,
Das dritte Horrido erschallt.