Der siebente Horrido

Wie schön ist es in schweren Tagen,
Wie weich und warm, wie wohl und lind,
Wenn alle Menschen sich vertragen,
Die sämtlich gleichen Stammes sind;
Wenn alles gut und brav beraten,

Die holde Eintracht lieblich fließt
Und bei den häuslichen Penaten
Kein Stank entsteht und auch kein Kniest;
Wenn schon bei frühster Morgenröte
Die ganze Sippschaft friedlich äst
Und Arethusia die Flöte
Dazu durch Hof und Garten bläst;
Wenn Onkel Schorsch gemäßigt wäre,
Nicht komplottierte früh und spät
Und sich nicht stets mit Tante Kläre
Den größten Wollsack nehmen tät.
Wie schön, wie schön! – Das wär’ ein Leben,
Da würde man des Daseins froh,
Da könnte man gen Himmel schweben –
Doch leider ist es meist nicht so.
Da bilden sich infame Truste,
Da wird in Heimlichkeit gemacht,
Da hält die Tante, die bewußte,
Den dicksten Wollsack stets in Pacht.
Da muß die Sondersache buttern,
Ob’s andern auch Verderben bringt;
Da muß der eigne Nutzen futtern,
Bis ihm der Hosengurt zerspringt.
Da wird die Seele hart und knöchern
Und das Gewissen angelweit,
Und hämisch sieht aus allen Löchern
Der schweinfurtgrüne Futterneid.
Zu guter Letzt, voll sanfter Triebe,
Kommt Tante Kläre dann in Ruh
Und deckt mit fauler Nächstenliebe
Salbadernd die Geschichte zu.
Wie schön, wie schön, wenn’s anders wäre,
Wenn nicht die schadenfrohe Sucht!
Des Lebens ausgereifte Ähre,
Sie trüge hundertfache Frucht.

Nach diesem kurzen Intermezzo,
Ich komme auf mein Lied zurück
Und zeige freudig euch anjetzo
Ein wirkliches Familienglück.
Habt acht! Dort wo die weißen Decken
Sich zogen über Sumpf und Moor
Und sich in ein Gewirr von Hecken
Ein Teil des Jagdgebiets verlor,
Wo alte Fichten wie die Götzen
Sich frosterstarrt ins Auge sahn
Und ein Getürm von Felsenklötzen
Versperrte rings die freie Bahn,
Da lag, bevor die Jagd entfesselt,
Mit Kind und Kegel, Weib und Mann,
Bequem und sorglich eingekesselt,
‘ne Rotte Schwarzwild tief im Tann.
In diesem Kreise galt die Regel:
Seid einig auf der Lebensfahrt,
Und wißt, den allerfeinsten Kegel,
Den schiebt ihr stets auf solche Art.
Daß Herzensgüte sich entfalte,
Sie ehrten sich nach gutem Brauch;
Was Mutter wollte, tat der Alte,
Und sein Begehr war ihrer auch.
Da war ein Onkel, waren Tanten,
Da waren Vettern, ganzer drei,
Die alle nur den Wahlspruch kannten:
Ein Herz und eine Sauerei.
So lebten sie denn auch bis heute,
In allem haltend Ziel und Maß,
Als angestaunte Schwarzwildleute,
Beschaulich und bei gutem Fraß.
Sie lebten weidlich und nach Noten
Und fanden stets das Mahl getischt
Und waren den infamen Schroten
Bis dato glücklich noch entwischt.
Das tat, weil sie die Eintracht schätzten,
Weil sie, der Mißgunst bloß und bar,
Das Glück des Hauses nie verletzten
Und Vater stets auf Posten war.

Da stand der Alte, reich an Ehren,
Ein Recke, stark an Wurf und Bug,
Der neben stattlichen Gewehren
Den schwersten Krustenpanzer trug.
Er stand gleichwie aus Erz gegossen
Und ließ, ein Untier fabelhaft,
Den erymantischen Genossen
Weit hinter sich an Mut und Kraft.
So stand der alte Herr im Barte
Bei Weib und Kind und dachte nach
Und schob die borstenstraffe Schwarte
Ans Herz der Gattin dann und sprach:

»Wo ich auch bin und stehe
In Felsen und Gefild,
Ach! überall ich sehe
Nur dein geliebtes Bild.
Ob sich die Flur mit Blumen ziert,
Ob Stein und Bein und Strom gefriert,
In Freud und Leid bin ich dir nah –
Amalia!

Des Hauses Glanz zu mehren,
Hast stets du aufgetischt,
Hast gerne, doch in Ehren,
Gebrunftet und gefrischt.
Wie drängtest du mit Herz und Sinn
Zum Liebesacker allzeit hin,
Wenn wiederum die Rauschzeit da –
Amalia!

Und kam daher mit Hetzen
Der Mann in grüner Watt,
Und suchte er zu setzen
Die Kugel uns aufs Blatt,
Und war dann Holland ganz in Not,
Beschirmte uns vor Blei und Tod
Der Heilige von Padua –
Amalia!

Mir ist so wohl zumute,
Verschneit sind Flur und Au,
Komm an mein Herz, du gute,
Du vielgeliebte Sau!
Wo wiederum die Rauschzeit ist,
Man alle Not und Pein vergißt,
Da ist Gott Amor dringlich nah –
Amalia!«

So sprach beseelt der alte Recke
Und zitterte am ganzen Leib
Und drängte schon zur nächsten Hecke
Das holde und verschämte Weib,
Da aber jäh . . . . er hob den Bürzel,
Er windete die kreuz und quer
Und warf das Schwänzchen wie ein Schürzel
Erregt ums brave Weidloch her.
Der Schrecken fuhr ihm ins Gekröse:
»Verflucht, verdammt und zugenäht!
Was tun, spricht Zeus! Der Fall ist böse,
Denn hier ist Teufelsdreck gesät.
Wir sind erkannt, wir sind verloren
Mit Wurst und Schinken, Haut und Haar;
Denn ante portas, vor den Toren,
Steht Hannibal mit seiner Schar.
Ich fühl’s: die Conder Jäger kamen,
Der Schwerenotskerl Zenz ist da!
Jetzt rette in Dreiteufels Namen,
Antonius von Padua!
Du hast so oft uns schon gerettet,
Wenn ringsum mörderisch Getön!
Noch ist die Schwarte nicht verfettet,
Und ach! das Leben ist doch schön!
Wir sind umstellt, wir sind umgangen!
Kaum helfen Dickung und Morast!
Und dennoch: fort mit allem Bangen!
Drum, Kinder, hört und aufgepaßt!
Die Kerle haben’s ausgeklügelt,
Wie man am feinsten uns berückt.
Von beiden Seiten wird geflügelt,
Von hinten herzhaft nachgedrückt.
Der Treiber sitzt uns auf der Pelle,
Das Messer ist schon längst gewetzt;
Drum wird von mir für alle Fälle
Wie folgt der Kriegsplan festgesetzt.
Wo hat man uns den Tod geschworen?
So frag’ ich mich, wo weilt der Mord?
Und wo vielleicht kommt ungeschoren
Noch der und dieser von uns fort?
Dort steht der Doktor. Tag und Nächte
Sinnt er darauf für wenig Geld,
Wie er in Kraft geheimer Mächte
Des Menschen Pulsschlag flott erhält.
Er singt Tenor mit viel Gemüte,
Er hat ein freundliches Gesicht,
Und doch, trotz seiner Menschengüte,
Ich trau’ nun mal dem Doktor nicht.
Und dort, von Jagdlust hingerissen,
Da steht der Richter Num’ro zwei.
Sein Arm ist stark und groß sein Wissen,
Doch minderwertig ist sein Blei.
Er meidet jegliches Schlampampe,
Ist immer nur auf seiner Hut;
Doch hat er einen auf der Lampe,
Dann schießt der Kerl verteufelt gut.
Und drüben . . . Gott soll uns bewahren!
Umhaucht vom Duft des edlen Weins,
Da sinnt und träumt in grauen Haaren
Der Amtsgerichtsrat Num’ro eins.
Er scheint so fromm, er tut so schüchtern,
Er sieht so harmlos durch den Tann,
Und sichtlich himmelheilignüchtern
Ist dieser hochgelahrte Mann.
Und wenn der Mensch auch ungelogen
Und äußerst freundlich, sanft und mild
Schon dreimal an dem Rum gesogen,
Der glucksend aus der Pulle quillt,
Das scheint mir alles Finte,
Brimborium und pure Zier;
Denn er und seine gute Flinte,
Sind weltbekannt im Jagdrevier.
Drum Achtung, Kinder! – jeder hält sich
Entfernt von dem im Waldesschoß.
Der Kerl ist nitsch, der Kerl verstellt sich,
Denn unversehens dampft er los.
Indessen dort . . . O Herr der Gnade,
Ich weiß es, du verläßt uns nicht!
Dort, jenseits der verschneiten Pfade –
Ich sehe Licht, ich sehe Licht!
Ich seh’ Herrn Wieprecht nicht mehr dösen;
Er ist geschäftig, vielbewegt
Und hat, um nochmals sich zu lösen,
Bereits den Gürtel abgelegt.
Jetzt steh uns bei in unsern Nöten,
Sankt Tünnes, hilf und sei uns nah!
Und geht die halbe Schwarte flöten –
Wir müssen durch, hipphipp, hurra!«

So sprach der Recke, reich an Ehren,
Der Schwartenkönig, grimm und gram;
Worauf mit leuchtenden Gewehren
Er vor den Seinen Stellung nahm.
Und nochmals und in tausend Nöten,
Doch mannhaft klang es fern und nah:
»Geht auch die halbe Schwarte flöten –
Wir müssen durch, hipphipp, hurra!«
Und dann – heidi! – dem Kesselfrieden
Entsprang ein Wetter, dumpf und groß;
Schnell wie die Rosse des Peliden
Ging’s donnernd auf Herrn Wieprecht los.
Den Wurf gesenkt, das Herz geweitet,
Und Blatt an Blatt und Haar an Haar,
Von einem Willen nur geleitet,
So raste vor die wilde Schar.
Es war ein ganz verteufelt Müssen,
Zwar nicht in dulci jubilo;
Habt acht! – drum schallt bei hellen Schüssen
Auch jetzt das achte Horrido.