An meine sterbende Schwester

Deinen Wangen entfloh’n Rosen des Jugend-Mai’s
Und es welkte dein Lenz, Farbe des Todes liegt
Auf dem hageren Antlitz,
Nur dein Auge strahlt Heiterkeit.

Leiden wurden dir früh, Pilgerin, vorgestreut,
Fühltest selten die Lust, welche uns Jugend reicht,
Doch trug heiteres Mutes
Sie dein reifer, geübter Geist.

Schon winkt dir aus der Fern’ seliger Ewigkeit
Der unsterbliche Kranz, harret der Siegerin,
Bald flieht Leiden und Leib der
Fessellose, geprüfte Geist.

Schaue, Selige, dann, bist du von Gott verklärt,
Freudenreiches Blicks auf die Gefilde her,
Wo im Haine des Abends
Die Erinnerung mich umschwebt.

Lisple leiser um mich, wenn ich bei Mondenschein
Schau’ zur schimmernden Flur, höhere Lieder sing’
Und mit Freuden verweile
Bei dem blumigen, grünen Grab.